Madonnas neue Dancefloor-Beichten. Meg Stalters Pride-Hymne. Die Comebacks von Adam Lambert, Kim Petras und Hayley Kiyoko. Lizzos Image-Aufpolierung. Das Pop-Wunder Debbii Dawson. Musik als Therapie mit kwn, Young Miko und To Athena. Das Queer-Country-Debüt von Andrew Sa. Das Abschiedsalbum von Barry Manilow.
MADONNA
CONFESSIONS II (Warner Records/Boy Toy)
Die Queen of Pop und LGBTQ+-Ally der ersten Stunde hat am letzten 4. Juni den Pride Month in Manhattan mit einer Überraschungsshow eröffnet. Im pinken Korsett und silbernen Boots hat Madonna den New Yorker Times Square in eine Grossraumdisco unter freiem Himmel verwandelt. Mit CONFESSIONS II, dem Sequel zu ihrem epochalen Album «Confessions on a Dancefloor» von 2005, schreibt Madonna einen weiteren unglaublich schönen Liebesbrief an die queeren Clubs und die schwule Subkultur, wo ihre Karriere übrigens begann. Damit schliesst Frau Ciccone den Kreis zwischen Vergangenheit und Zukunft und sichert sich erneut ihren Thron als Queen of Pop and Gay Clubs.
MEG STALTER
GAY (Meg Stalter)
Megan Stalter, die US-amerikanische Komödiantin und Schauspielerin, ist hierzulande primär für ihre Rollen als Kayla in der HBO-Serie Hacks oder als Jessica in der Netflix-Serie Too Much bekannt. Die bisexuelle und sehr gläubige Künstlerin wagt neu als Meg Stalter den Schritt ins Musikgeschäft. Pünktlich zum Pride-Month liefert sie mit GAY eine humorvolle, campy Dance-Pop-Hymne, die mit Eurodance und der elektronischen Tanzmusik der frühen 2000er-Jahre kokettiert. Damit feiert Meg Stalter die verschiedenen Facetten der LGBTQ+-Community und schafft den Spagat zwischen Comedy und echtem queeren Clubbanger.
ADAM LAMBERT
ADAM (More is More LLC)
Adam Lambert wurde durch seine Teilnahme an American Idol berühmt, wo er 2009 vermutlich aus homophoben Gründen nur den zweiten Platz belegte. Trotzdem gilt der offen schwule Sänger als der erfolgreichste Absolvent der beliebten Casting-Show. Und spätestens dank seiner Tour mit Queen als Freddie-Mercury-Ersatz katapultierte sich Adam Lambert definitiv in den Pop-Rock-Olymp. Nach dem Cover-Album «High Drama» von 2023 präsentiert er auf ADAM eine neue Kollektion mit eigenen Songs im Geist der 90er- und frühen 00er-Jahre, die zwischen buntem Euro-Pop und dunklem industriellem Rock changieren.
KIM PETRAS
Detour (BunHead Records / Amigo Records)
Wie Adam Lambert veröffentlicht Kim Petras ihr neues Album auf ihrem eigenen Label nach dem Zwist mit der Plattenfirma. Musikalisch schwankt «Detour» zwischen experimentellem Elektropop, überdrehtem Clubsound und intimen Sequenzen. Im Vergleich zu bisherigen Veröffentlichungen wirkt Kim Petras heute aber direkter und persönlicher. Im Schlüsselsong «The Brutalist» erinnert sich Kim Petras an ein Gebäude, das ihr Vater ihr gezeigt hat, während sie zu ihrer Hormontherapie nach Hamburg fuhren. Sie nutzt den Abriss dieses von ihnen geliebten, aber sonst allgemein als hässlich empfundenen Gebäudes als Metapher für ihren Körper und ihre Transition.
HAYLEY KIYOKO
girls like girls the album (Focus Features, LLC)
Die kalifornische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Hayley Kiyoko wurde 2015 durch ihren Song «Girls like Girls» weltbekannt, dessen Video über 148 Millionen Mal angesehen wurde. Der Song entstand aus ihrem Bedürfnis heraus, in einem pop-kulturellen Kontext die eigene lesbische Identität zu akzeptieren und romantisch zu erfassen. Damit wurde Hayley Kiyoko zur Ikone der queeren Pop-Community. «Girls Like Girls» heisst auch ihr erster Roman. Inzwischen hat sie noch den gleichnamigen Film gedreht und den Begleitsoundtrack dazu aufgenommen. Das Album ist ein Riesenfest für alle Fans des Sapphic-Pop und vereint eine beeindruckende Liste an queeren Features: Tegan & Sara, Gigi Perez, August Ponthier, Snow Wife und Young Miko.
LIZZO
BITCH (Nice Recording Coming / Atlantic Recording Corporation)
Das Image von Lizzo als Ikone der Selbstliebe, der LGBTQ-Community und Vorreiterin der Body-Positivity-Bewegung, bekam 2023 Risse, als sie von drei ihrer ehemaligen Tänzerinnen wegen Mobbing, Fatshaming und sexueller, religiösen und rassistischen Belästigung verklagt wurde. Auf dem neuen Album «Bitch» versucht Lizzo, ihre Version der Geschichte zu verteidigen. Sie rechnet von sanft bis radikal mit allen ab, die sie verletzt haben. Als Muse für ihren Neuanfang soll ihr Tina Turner gedient haben, selbst ein Idol der Selbstermächtigung. «Don’t Make Me Love You» ist eine grosse Hommage an die Acid Queen aus Nutbush. Und auch sonst ergänzen sich Lizzos musikalisches Handwerk und charismatische Ausstrahlung wieder einmal perfekt.
DEBBII DAWSON
Where Have All The Good Men Gone? (RCA Records
Debbii Dawson wurde 2022 durch ihre Teilnahme an der Castingshow America’s Got Talent bekannt, wo sie die Jury mit einer Coverversion des ABBA-Hits «Dancing Queen» überzeugte. Mit ihrer ersten EP «Where Have All The Good Men Gone?» verpackt sie ernste Themen wie Angst, Wut und mentale Gesundheit in mitreissenden und energiegeladenen Songs zwischen 80s-Pop und Chappell Roan. Auf dem catchy «Kool Aid», den sie mit dem schwulen Grammy-prämierten Songwriter Justin Tarner mitgeschrieben hat, verarbeitet sie ihre Vergangenheit in einer Sekte und zieht eine Parallele zwischen der Manipulation in einer Sekte und in einer toxischen Beziehung.
kwn
and all pride aside (RCA Records)
Khyra Leah Wilson, mit dem Pseudonym kwn ist eine queere aufstrebende Künstlerin in der britischen R&B-Szene. Insbesondere ein inniger Kuss zwischen ihr und dem amerikanischen R&B-Star Khelani im Video zum gemeinsamen Song «Worst Behaviour» im Februar 2025 erregte grosse Aufmerksamkeit und brachte ihnen viel Publicity. Nachdem die Gerüchte um eine Liaison nun endgültig verstummt sind, präsentiert kwn ihr neues Werk «and all pride aside», eine Art Therapiesitzung mit vielen schönen reduzierten R&B-Balladen, wo kwn‘s raue, dunkle, gefühlvolle und kontrollierte Stimme im Mittelpunkt steht.
YOUNG MIKO
Do Not Disturb: Late Checkout (Young Miko)
Die puerto-ricanische Rapperin Young Miko bietet einen spannenden Mix aus Trap, Reggaeton, Hip-Hop und R&B. Sie rappt und singt selbstbewusst über ihr Leben als lesbische Frau und füllt inzwischen Stadien. Doch der Erfolg hat seine Schattenseiten. Auf «Do Not Disturb» verarbeitet Young Miko ihre Erschöpfungszustände während der Tour und ihre Notwendigkeit, sich im Hotel zurückzuziehen und ihre Gesundheit zu schützen. Auf der aktuellen Deluxe-Version «Late Checkout» ist Young Miko bereit, das Hotel zu verlassen und mit der Einsamkeit zu brechen. Auf der tanzbaren, unbeschwerten Nummer «Aquel diciembre» teilt sie mit Rauw Alejandro ihre neue Lebensfreude.
TO ATHENA
Have I Lost My Magic? (Mouthwatering Records)
Die 32-jährige Tiffany Limacher alias To Athena sieht sich als «Weird Kid», gehört aber zu den vielversprechendsten Namen der Schweizer Musikszene. Auf ihrem dritten Album «Have I Lost My Magic?» befasst sie sich auf Englisch und Luzerner Dialekt mit den Folgen ihres Burnouts. Sie verwandelt ihre Fragilität und Zerbrechlichkeit in einen märchenhaften, filmischen und orchestralen Kammerpop voller Harfen und Streicher. Die Songs kreisen um das Gefühl, die eigene «Magie» verloren zu haben und laden trotz der ernsten Ausgangslage gleich zum Träumen und Schweben.
ANDREW SA
American Rough (Bloodshot Records)
Mit seinem Debüt «American Rough» setzt der schwule Indie-Folk- und Country-Künstler Andrew Sa das Erbe wunderbar fort, das von Patrick Haggerty, dem absoluten Pioneer des Queer Country und Gründer der Band Lavender Country, geschaffen wurde. Mit seinem einzigartigen Gesang im Stil von Roy Orbison und Patsy Cline bricht Andrew Sa bewusst mit heteronormativen Geschlechterrollen in der Country-Musik und fokussiert sich auf Themen wie queere Intimität, Männlichkeit, sexuelle Freiheit und Sehnsucht. Auf «American Rough» schlägt Andrew Sa gekonnt eine Brücke zwischen dem Country-Pop der Mitte des Jahrhunderts und dem zeitgenössischen Indie-Folk.
BARRY MANILOW
What A Time (Stiletto Entertainment)
Barry Manilow, der «King Of Schmalz» und lebende Showbusiness-Legende, plant mit 83 seinen Abschied von der Bühne. Doch bevor er das Rampenlicht für immer verlässt, gibt es noch ein letztes Album und sogar eine letzte Tour, wenn dies seine Gesundheit zulässt. Sein «offizielles» Coming-out hatte Barry Manilow erst 2017. 2014 hatte er aber schon seinen Manager Garry Kief geheiratet, den er bereits 1978 kennenlernte. Ein Coming-Out in den 70er-Jahren hätte dem früheren Frauenschwarm damals arg geschadet. «What A Time» bleibt der Manilow-Formel treu und setzt voll auf grosse Gefühle, Nostalgie, Drama und opulente orchestrale Arrangements. Ein absolutes Muss für die Kitsch-Trine in dir.
SENDUNG HÖREN
Playlist
Die Musiktipps von DJ Corey immer am 1. Sonntag im Monat im QueerUp Radio auf Radio RaBe
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