QueerPop 2023

Auch im Jahr 2023 haben die Tolerdance-DJs Corey und Ludwig das queere Popgeschehen beobachtet. Diese Songs sind ihnen besonders aufgefallen, wurden als erinnerungswürdig eingestuft und gehören deshalb auf die Liste «Best of QueerPop 2023».


Geniesse dein Leben …

… und tanze! 2023 wurde Queerness im Pop nicht nur, aber oft mit Eskapismus und Hedonismus gleichgesetzt. Die Devise lautete: Das Leben feiern, in den queeren Clubs tanzen, sich verlieben, am besten gleich in sich selbst. Die erfolgreicheren queeren Acts machten eine krasse Entwicklung durch: Vom Mauerblümchen zu einem gesunden, körperlichen und sexuellen Selbstwertgefühl. Ein alter Hase spielte die schwule «Sexkarte» mit einem Augenzwinkern.

Romy Madley Croft, das introvertierte lesbische Drittel von The xx, legte ihre Schüchternheit ab und zauberte mit «Enjoy Your Life» eine queere Hymne für die Ewigkeit hervor. Eine Aufforderung, das Leben in allen Zügen zu geniessen, weil es verdammt kurz sein kann. Der Song entführt zwar in die Eurodance-Discos und die Rave-Partys der Neunziger. Aber Madonnas Produzent Stuart Price und der aufsteigende Stern am DJ-Himmel Fred Again legen den Fokus auf eine zeitgemässe House-Produktion ohne nostalgische Verklärung.

Sam Smith, das britische nonbinäre Goldkehlchen, hat sich nach dem Monster-Hit «Unholy» mit Transkünstlerin Kim Petras aus den Ketten der emotionalen Soul-Balladen befreit. Die anfänglichen Selbstzweifel und Schuldgefühle sind wie fortgespült. Auch auf dem Album «Gloria» zelebriert Sam Smith den Übergang in eine Phase der Selbstliebe und der sexuellen Freiheit. Der grandiose Disco-Song «I’m not here to make friends» spiegelt nicht nur die neu gewonnenen Freuden, sondern auch ein gesteigertes Bewusstsein für die queere Pop-Kultur wider.

Australiens Queer-Pop-Schätzchen Troye Sivan ging ebenfalls in die Sex-Offensive. Sein orgiastischer Disco-Banger «Rush», eine persönliche Hommage an Berlins schwules Nachtleben und vermutlich eine Anspielung an eine berühmte Poppers-Marke, strotz nur so von Testosteron, Geilheit und Körperflüssigkeiten. Auch ohne das sexuell aufgeladene Video kann mensch sich in einem Club voller halbnackter, verschwitzter Männer wähnen.

Sexuelle und musikalische Offenheit waren schon das Markenzeichen der queeren Kapelle Scissor Sisters, die sich mit extremem Falsett-Gesang und schrägen Hommagen an den Disco-Sound der Siebziger in den queeren Pop-Olymp der 00er-Jahre katapultierten. Jake Shears, der Ex-Sänger von Scissor Sisters, hat sich 2023 nochmals völlig dem schwulen Disco-Fieber hingegeben. Auf seinem zweiten Solo-Album «Last Man Standing» hat er eine schweisstreibende Disco-House-Party geschmissen. Unter den Highlights befinden sich «Voices», ein Duett mit Lieblings-Faghag Kylie und «I Used To Be In Love». Diesmal blieb ihm der Mainstream-Erfolg leider nicht vergönnt.


Remember the 90s

Wenn man die Musikwelt – wie Ludwig und Corey es tun – schon seit sehr langen Zeit beobachtet, fällt einem auf, dass die Sounds und Stile sich ständig wiederholen. Zurzeit sind die 90er-Jahre en vogue.

Alexander Bard, das Mastermind von Army of Lovers, bezeichnet seine Band selbst als Dragshow, aber mit echten Titten. Tatsächlich ist das Camp in Reinkultur, was die Schweden in den 90er-Jahren auf die Musikwelt losliessen. Für ihren trashigen, bunten und überdrehten Pop wurden sie damals belohnt mit Top-Chartplatzierungen. Nun sind sie zurück mit einem neuen Album namens «Sexodus» und sie klingen genauso wie vor 30 Jahren – und das ist gut so, denn die Welt braucht mehr Camp!

Auch beim Eurovision Song Contest, der sich gerne am Puls der Zeit sieht, machte sich das 90s-Revival bemerkbar. Mit Clubsound aus dieser Epoche hat der queere Belgier Gustaph das Publikum in Liverpool begeistert und mit dem Song «Because of You» den beachtenswerten 7 Rang erreicht. Allerdings scheint der Erfolg nicht nachhaltig zu sein. Die Nachfolgesingle blieb unbemerkt und ein ganzes Album ist auch nicht in Sichtweite. Ob ihn das Jahr 2024 zurück ins Scheinwerferlicht bringt? Es ist zu hoffen, denn seine Stimme sollte gehört werden.

Michael von der Heide ist eher ein Pop- und Chanson-Sänger. Um so erstaunlicher, dass er 2023 mit einem Club Hit auftrumpfte. «Hole in My Heart» ist stark vom 90s-Sound beeinflusst, und eine etwas wehmütige Erinnerung des 52-Jährigen aus Amden an seine eigene Jungend, als er selbst noch in Club tanzte. Für «Hole in My Heart» hat Michael von der Heide zudem die leider etwas vergessen gegangene deutsche House-Sängerin Eve Gallagher ins Studio geholt. Eine gelungene Produktion!


Made in France

Französische Legenden: Song von Michel Legrand in Thibaut Pez’s Discoversion und MIKA’s Hommage an die 2023 verstorbene Jane Birkin.

«Peau d’âne (Eselshaut)» ist eine ziemlich kitschiger Musical-Märchenfilm aus dem Jahr 1970 mit Catherine Deneuve und Jean Marais in den Hauptrollen und mit Liedern von Michel Legrand (1932-2019). Der französische Komponist wurde mehrfach mit dem Oscar und Grammy ausgezeichnet. Ihm haben wir Songs wie «Papa, Can You Hear Me?» aus dem Film «Yentl» mit Barbra Streisand oder «The Windmills of Your Mind» zu verdanken. Für «Peau d’âne» schrieb er «Rêves secrets d’un prince et d’une princesse» das unser leider immer noch relativ unbekannter Liebling Thibauz Pez neu aufgenommen hat – in einer Disco-Version. Märchen-Pop zum Tanzen und Träumen.

Im Sommer 2023 ist Jane Birkin in Paris im Alter von 76 Jahren gestorben. Die Engländerin ging als 22-Jährige nach Frankreich, um im Film «Swimmingpool» zu spielen – und sie blieb. Sie verliebte sich in den Sänger und Komponisten Serge Gainsbourg, mit dem sie 12 Jahre zusammen war und mit dem sie Platten aufnahm. Aus der burschikosen Engländerin wurde eine französische Ikone, nach welcher Hermès sogar eine Handtasche benannte. MIKA hat ebenfalls die britische Staatsbürgerschaft und in Frankreich den Erfolg gefunden. So hat MIKA erstmals in seiner Karriere 2023 ein rein französisches Album aufgenommen. Auf «Que ta tête fleurisse toujours» ist auch der Song «Jane Birkin» zu finden. Wollte er in seinem ersten Hit «Grace Kelly» (2007) noch sein wie die Fürstin von Monaco, sucht er heute eine Liebe à la Jane Birkin.

Mit Michel Legrand und Jane Birkin kann Louis Albi selbstverständlich noch nicht mithalten, aber er ist erst 20 und es kann aus ihm bestimmt noch etwas Grosses werden. Bei der letzten Staffel der Casting Show «Star Academy» hat Louis Albi den stolzen zweiten Platz erzielt. Nicht nur hat er seinen queeren Musikgeschmack unter Beweis gestellt, sondern auch unmissverständlich aufgezeigt, dass er selbst Teil der LGBTQI-Community ist. Pünktlich zur Pride-Saison hat er seine erste Single «Que Tu Mentes» herausgebracht, eine Ode an die Toleranz in 80s-Pop-Manier, die von Marsö (Pierre De Maire, Suzane) produziert wurde. Der autobiografische Song und das dazugehörige Video thematisieren die heimliche Liaison zwischen einem ungeouteten und einem offen schwulen jungen Mann.


(No)GenderPop

Das Geschlecht, was es bedeutet für einen persönlich und wie wir als Gesellschaft damit umgehen, ist ein viel diskutiertes Thema, das auch im Pop zur Sprache kommt.

LUCKY LOVE aus Belgien ist ein vielseitiges Talent: Künstler, Model, Schauspieler und seit kurzem auch Sänger und Songwriter – und er sieht verdammt gut aus, er ist ein Bild von einem Mann. Doch etwas stört das Bild: Wegen einer Agenesie während der Schwangerschaft fehlt ihm der linke Arm und seine Sexualität entspricht auch nicht der Norm. In seinem Song «Masculinity» auf seinem Debutalbum «Tendresse» hinterfragt er, was Männlichkeit bedeutet: «What about my masculinity? What the fuck is wrong with my body? Am I not enough?» Ein sehr gelungener Song, der nicht der einzige gute auf seinem Album ist. Ein Talent für die Zukunft.

Wir konnten Anohnis Weg vom geschlechtsdiffusen jungen Menschen auf seinem Debütalbum (2004) bis zur stolzen Transfrau auf ihrem aktuellen Album durch ihre Lieder mitgehen. Was den Anfang mit dem Heute verbindet, ist die Trans-Aktivistin Marsha P. Johnson. So ist der Bandname Anohni and the Johnsons an sie angelehnt und das Cover des 2023-Album ziert ein Porträt von Marsha und trägt als Titel ein Zitat von ihr: «My Back Was a Bridge for You to Cross». Transrechte, Feminismus und Klimakatastrophe sind Themen, die Anohni umtreiben und mit denen steht es im Argen. Das muss sich ändern! «It Must Chance» ist deshalb der Song von Anohni, der ihr grossartiges Album auf den Punkt bringt.

Bitte, nicht noch ein weiteres Cover von Leonard Cohen Song «Halleluja», dachten wir, als wir von Tarik Tesfus erster Single lasen. Beim Reinhören war schnell klar, dass es ganz was Neues ist. Tarik Tesfu vereint Popkultur und Politik und bezeichnet sich selbst als Glam-Minister. Tarik ist Moderator, Entertainer und Podcaster mit gesellschaftlichem Engagement für die queere und schwarze Kultur in Deutschland. Seit 2023 ist Tarik auch Sänger. In seiner Debüt-Single «Halleluja» singt er: «Gott ist kein alter, weißer Mann; OMG: Gott ist trans!»

Wäre mein Körper ein Haus, ich würde es niederbrennen und eine neues bauen, in dem ich mich sicher fühle, singt Nemo auf englisch in der neuen Single «This Body». Dei Bieler Nemo eroberte 2017 mit 18 Jahren die Schweizer Charts mit dem Song «Du». Doch die Fassade des schelmischen Mundartrappers empfand Nemo als nicht adäquat. Also kehrte Nemo dem Berner Bär den Rücken und zog zum Berliner Bär, um sein wahres Ich zu finden. Das wahre Ich ist nonbinär, erzählte Nemo im November der SonntagsZeitung. Dass danach in den Kommentarspalten einige unsägliche Aussagen zu finden waren, ist leider nicht überraschend. Doch für uns überraschend war, wie schön und berührend «This Body» ist. Wir freuen uns darauf mehr zu hören vom wahren Nemo im 2024.


Romandie – la meilleure pop de Suisse

Die Welschen haben den Deutschschweizern etwas voraus: sie machen die bessere Popmusik.

Die Solo-Künstlerin Billie Bird aka Elodie Romain aus Lausanne schuldet ihrem Pseudonym der bekannten Reiseschriftstellerin des 19. Jahrhunderts. In ihren musikalischen Abenteuern taucht sie gerne in die Tiefe der menschlichen Seele ein und beherrscht die Balance zwischen akustischen und elektronischen Elementen. In ihrem sphärischen Song «Indolentia» aus ihrem Album «Incendies» geht es um die schwierige Entscheidung, aus Trägheit an einer problematischen Beziehung festzuhalten, statt eine Trennung in Erwägung zu ziehen.

Einsamkeit, Verlassenheit, Identität und Liebe prägen stark die Stücke von Nuit Incolore alias Théo Marclay, einem 22-jährigen Walliser mit vietnamesischen Wurzeln, der seine schlaf- und farblosen Nächte zu seinem Künstlernamen gemacht hat. Mit «Dépassé», einem dunklen modernen Chanson über den Kampf, seinen Platz in der Welt zu finden, hat Nuit Incolore im November den NRJ music award als bester Newcomer gewonnen.

Silance, eine junge Künstlerin aus Lausanne, jongliert elegant zwischen Rap, Electro und Chanson. Auf ihrer Single «Nouveau Genre» setzt sich Silance für alle Menschen der LGBTQ-Community ein, die täglich diskriminiert werden und fordert die Gleichstellung der verschiedenen Geschlechter.

 


Queers of the world

Die Welt ist gross und Queers gibt es überall. Ein Blick über die Grenzen des üblichen Pop hinaus lohnt sich.

Kumbia Queers, der Name sagt eigentlich schon alles. Die Frauen aus Mexico und Argentinien sind queer und machen Cumbia Musik. Cumbia wird im 4/4-Takt gespielt und eignet sich bestens zum Tanzen. Dass die Frauen ursprünglich vom Punk kommen, merkt man ihrem queeren Cumbia an, denn er ist roh und unperfekt, macht aber höllisch Spass! Der Schreibende dieser Zeilen, Ludwig, hat sie diesen Sommer live gesehen an einem Konzert auf dem Mühlenplatz in Thun. Er hat nicht nur zum Song «Fiesteria» getanzt und gefeiert.

Ein kollektives erleichterts Ausatmen ging durch die brasilianische LGBTQ-Community, als im Dezember 2022 der rechte und homophobe Präsident Bolsonaro abgewählt wurde. Stattdessen übernahm der linke und homofreundliche Lula da Silva das Amt. Diese Erleichterung ist zu spüren bei der Live-Aufnahme von einem Duett des bisexuellen Sängers Silva und der Transfrau Liniker. «Cigano» wird im entspannten Reggae-Rhythmus gespielt und im Video zum Auftritt wird so viel positive Energie ausgestrahlt, dass es einen warm wird ums Herz.

Pablo Alboran ist in Spanien ein Superstar. Seine Alben sind mehrfach mit Platin ausgezeichnet und bleiben eine gefühlte Ewigkeit in den Charts. 2020 hat er sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere als schwul geoutet. Geschadet hat es seiner Karriere nicht. Doch in seiner Heimat hat er fast alles erreicht, was ein Popstar erwarten kann. Nun hat er Lateinamerika im Visier. Um diesen grossen Markt zu erobern, hat er sich mit der bisexuellen Argentinierin Maria Becerra zusammengetan, um seinen Hit «Amigos» in eine Bachata Version aufzunehmen. Zum Nr. 1 Hit hat es nicht gereicht, doch 62 Millionen Aufrufe auf YouTube ist eine beachtliche Zahl.


Promising young men

Das Pop-Biz ist brutal. Mit Streaming und Videos verdient ein Musiker, eine Musikerin fast nichts. Konzerttournee, bringen zwar Geld, sind jedoch sehr anstrengend und seit der Pandemie gehen zudem die Zuschauerzahlen zurück. Und wer von der Werbung eingespannt werden will, muss sich ziemlich verbiegen. Um so erfreulicher ist es, dass viele junge Menschen trotzdem an ihrem Traum festhalten und weiterhin Musik machen.

River Westin aus Upstate New York macht Vintage Dream Pop. Er ist sowas wie die schwule Lana Del Rey. Wehmütig, romantisch und kuschlig wie eine weisse Wolke am hellblauen Himmel. River sagt: «Nostalgie ist ein wirkungsvolles Mittel, um den Zuhörer für ein paar Minuten aus seinem Leben zu entführen und ihn mitten in eine Geschichte zu versetzen». Er hat inzwischen einige Fans – wie uns –, doch ob er jemals den grossen Durchbruch schafft, ist fraglich. 2023 hat er die Singles «Sweet on Me» und «Blush» veröffentlicht. Besonders gefallen hat der Song «Blush», der davon erzählt, wenn ein ehemaliger Schwarm plötzlich vor der Türe steht.

Der 23-jährige Thomas Headon aus Australien steht noch ganz am Anfang seiner Karriere, ein «Star on the rise». Nach der High-School zog er 2019 nach London, um Popstar zu werden. Er schenkte Drinks aus in einer Gay-Bar und schrieb nebenbei Songs. Sein erster Song, den er veröffentlichte, war «Grace». 2023 brachte der die EP mit dem schönen Titel «Six Songs That Thomas Headon Likes and Thinks That You Would Like Too» heraus. Aufmerksam wurden wir auf diesen sympathischen jungen Mann wegen dem Song «I Loved a Boy». Wird er es schaffen aus der Masse der vielen jungen Musiker herauszutreten und zum Star zu werden? Sir Elton John ist davon überzeugt – wir noch nicht ganz.

Internationaler Ruhm zu erlangen als nichtenglischsprachiger Musiker, bzw. Musikerin ist schier ein Ding der Unmöglichkeit. Dem Belgier Stromae ist das gelungen, und bleibt damit eine Ausnahme. Eddy de Pretto hätte das auch verdient, doch wird er vermutlich ein französisches Phänomen bleiben. Der 30-Jährige wuchs in den Banlieues auf. Das machte ihn wütend. In seinen ersten beiden Alben entrüstet er sich über homophobe Gewalt, toxische Männlichkeit und die Schwierigkeit, seine eigene Identität als schwuler Mann zu finden. Inzwischen hat sich seine Wut etwas gelegt, wie sein neues Album «Crash Cœur» zeigt. Heute hat es in seinen Songs auch Platz für Liebe, Romantik und Spass am Leben. Bissig sind seine Texte geblieben, wie die Single «être biennn» zeigt, und doch zeigt er sich darin auch versöhnlich: «J’ai qu’un but dans la vie; C’est d’être bien avec moi-même».


Promising young women

Ein Girl will nicht nur fun, es will auch zeigen, was es musikalisch drau fhat. Diese jungen Frauen haben was zu bieten.

Die Songschreiberinnen Phoebe Bridgers, Lucy Dacus und Julien Baker sind bereits als Solo-Künstlerinnen bekannt. Schon 2018 haben sie ihre Stärken zur wohl ersten queeren Indie-Rock-Folk-Supergroup boygenius zusammengebündelt. Das genügte damals für einen Achtungserfolg. Aber niemand hätte damit gerechnet, dass das Debütalbum «The Record» so hohe Wellen schlagen würde. Wenn boygenius auftreten, machen Frauen die Mehrheit des Publikums aus, eine Seltenheit bei Indie-Rock-Konzerten. Eine Grammy-Nominierung ist inzwischen ins Haus geflattert. boygenius ist mit «The Record» der musikalische Liebesbeweis für queere Schwesternschaft geglückt. Im melancholischen Track «Cool About It» geht es um unerwiderte Liebe und um die Kunst, deswegen die Fassung nicht zu verlieren.

Die Engländerin Arlo Parks hat mit «My Soft Machine» ein neues Kapitel ihrer noch so jungen Karriere aufgeschlagen. Mittlerweile hat sie den Nebel von West London gegen die Sonne Kaliforniens eingetauscht, was ihre Musik eine Spur leichtfüssiger und abwechslungsreicher gemacht hat. In ihrem intimen Mix aus Bedroom-Pop, Indie und R&B besingt Arlo Parks nach wie vor die Bitterkeit, die Schwierigkeiten aber auch die Hoffnungen der Super Sad Generation. In «Weightless» thematisiert sie die emotionale Komplexität, die mit einer nicht mehr erfüllenden Beziehung einhergeht.

Die Songs der in Nashville ansässigen Joy Oladokun handeln von Liebe, Trauer, Politik und vom Leben in den USA aus der Sicht einer jungen queeren, schwarzen Frau. Wegen ihrer Songwriting-Skills wird sie als nächste Tracy Chapman und sogar als schwarzer Bruce Springsteen angesehen. It’s awareness, baby! Bei Joy Oladokun hält das individuelle und soziale Bewusstsein auch in den Songs selbst Einzug. Auf «Change» versucht Joy Oladokun, trotz der hektischen und turbulenten Zeiten das Glück in den kleinen Dingen zu finden.


Queer, black and proud

Queere schwarze Personen aus der Unterschicht haben es in den USA und anderen Teilen der Welt oft nicht leicht, ein ehrwürdiges, freudvolles und freies Leben zu führen.

1997 war die homophobe Musik-Industrie mit einem offen schwulen schwarzen Mann wie der heute als Multitalent gefeierte Billy Porter schlicht überfordert. Sie empfahl ihm, seine Homosexualität gefälligst zu kaschieren. Aus Angst wurde sein Debütalbum nicht genug promotet und floppte. 26 Jahre später übt Billy Porter mit «Black Mona Lisa» süsse Rache an den damaligen Ignoranten*innen. Das Album ist ein Manifest für Selbstermächtigung und Selbstakzeptanz im nostalgischen House-, Disco- und R&B-Gewand. Im Song «Not Ashamed» schämt Billy Porter nicht mehr dafür, seine HIV-Diagnose während 14 Jahre verheimlicht zu haben und erklärt, dass die Enthüllung seines persönlichsten Geheimnisses ihn zu einem besseren Menschen gemacht hat.

2023 waren die Gabriels die grosse Überraschung auf der Bühne des berühmten Glastonbury-Festivals. Das britisch-amerikanische Trio um den queeren schwarzen Ausnahmesänger Jacob Lusk, hat seinen Vintage-Gospel-Soul zu wirklich grossem Kino reifen lassen. Gabriels Lobpreisungen an die queere Liebe und an das queere Begehren haben zumindest in England wie eine Bombe eingeschlagen. In der Soul-Nummer «Offering» besingt Jakob Lusk das Geben und Nehmen in Liebessituationen und verlangt von seinem Partner absolute Opferbereitschaft.

Janelle Monàe hat sich vor einem Jahr als non-binäre Person mit Pronomen «They» geoutet. Nach einigen kopflastigen und dystopischen Alben und EPs läutet Monàe mit «The Age Of Pleasure» eine neue Ära voller queerer schwarzer Lebensfreude, Lust, Befreiung und Empowerment ein. Jeder Song hat Groove und Sommer-Vibes. Jede Minute ist der Sinnlichkeit gewidmet. Im erotischen Reggae-Song «Lipstick Lover» taucht Monàe in eine leidenschaftliche Fantasiewelt ein, wo die Lippenstiftreste an ihrem Hals die Intensität einer sexuellen Beziehung hervorheben.


More than a woman

Diese drei Personen haben gezeigt, dass das Geschlecht nicht wichtig ist. Was zählt, ist der Song!

Laura Pergolizzi hat den Künstlernamen LP gewählt, weil er genderneutral ist. Das unterstreicht ihr androgynes Aussehen. Dass sie auf Frauen steht, war schon immer klar und wurde nie verheimlicht. Am 30. Mai gab LP ein Konzert im Bierhübeli Bern, um ihr neues Album «Love Lines» vorzustellen. LPs etwas quakende Stimme kann manche auf Dauer nerven, doch gewiss ist sie eine sehr talentierte Songwriterin. Auf ihrem neuen Album ist der Song «Long Goodbye» zu finden, der klingt, als wäre er schon immer da gewesen, wie eine dramatische Ballade aus den 60er-Jahren.

Christine and the Queens ist ein Liebling der Musikkritiker*innen. Ihr anspruchsvoller Pop, mit dem sie verschiedene Personas ihrer selbst ausprobiert, ist vielleicht etwas kopflastig. Die nonbinäre Sänger*in geht keine Kompromisse ein, nur um einen Hit zu landen. Im letzten Jahr veröffentlichte Chris die 90-minütigen Pop-Oper «Paranoïa, Angels, True Love», eine musikalische Verarbeitung von Tony Kushners epischem Theaterstück «Angels In America» über die AIDS-Krise in den 80er-Jahren. Heraus sticht darauf der Song «To Be Honest».

Kim Petras hat es endlich geschafft und ist in die oberste Liga der Popstars aufgestiegen. In Deutschland wurde sie als Teenager berühmt, weil sie die jüngste Transperson war, die eine geschlechtsangleichende Operation machte. Doch in Deutschland wollte man sie als Popstar nicht, sie sei zu amerikanisch. Also wanderte sie 2011 mit 19 Jahren aus nach Los Angeles, wo sie beharrlich an ihrer Kariere als Songwriterin (auch für andere) und Sängerin arbeitet. Nach zahlreichen Singles und EPs ist im Sommer 2023 endlich ihr erstes reguläres Album «Feed The Beast» erschienen. Wenn Kim Petras in «Uhoh» singt: «Everything I drop is a banger», hat sie nicht unrecht. Ihr Hyper-Pop ist der Sound der Stunde.


Euphorisch im Club

Der Club gilt immer noch als die Kirche der queeren Community, auch wenn die katholische Kirche unsere «Freundschaft» jetzt plötzlich segnet. Sorry lieber Papst, die Disco ist definitiv cooler!

Um einen sanften Übergang von der Kanzel zur Tanzfläche herzustellen, eignet sich der mitreissende Song «Mercy» von The Blessed Madonna featuring Jacob Lusk, der die optimale Schnittstelle zwischen Kirche und Club bietet. Die DJ, Produzentin und queere Club-Ikone und der Sänger der Gabriels haben einen grandiosen House-Track kreiert, der das Spannungsfeld zwischen dem Sakralen und Profanen erkundet und die spirituelle Botschaft von Liebe und Barmherzigkeit in die Tanztempel der LGBTQ-Community trägt.

Die Sängerin, Songwriterin, Drummerin und Produzentin Georgia aus London hat die Originalfassung ihrer Single «It’s Euphoric» als minimalistischen, luftigen Indie-Popsong über die Euphorie des Verliebtseins konzipiert. Auf der aufgepeppten Remix-Version macht Georgia gemeinsame Sache mit Olly Alexander von Years&Years. Ihnen gelingt es optimal, unbändige Glücksgefühle auf die Tanzfläche zu verbreiten. Und übrigens: Olly Alexander wird 2024 Grossbritannien am Eurovision Song Contest vertreten. Wir freuen uns euphorisch!

Fabian Raad, ehemaliger Leadsänger des queeren Duos Alphas und Neffe von Eurovision-Ikone Joy Fleming, hat 2023 seine Solo-Karriere mit der vielversprechenden Dance-Nummer «Insatiable» gestartet. Ähnlich wie bei Sam Smiths «I’m Not Here To Make Friends» sehnt sich der schwule Sänger nach einem Lover während einer heissen Nacht im Club. Die unwiderstehlichen Disco-Funk-Vibes und der Four-to-the-Floor-Rhythmus sind das perfekte Gegenmittel gegen den Winterblues.

Der schwule Adam Mac aus Nashville vereint in seiner Musik die Bodenständigkeit des Country und den Glanz der Disco-Kugel. Auch wenn Nashvilles Purist*innen «das schwule Ding» immer noch ein Dorn im Auge ist, geht Adam Mac stolz und unbeirrt seinen Weg, was ihm die Grösse eines Helden verleiht. Der Track «Disco Cowboy» ist sehr repräsentativ für sein Werk und erinnert an die Country-Disco-Phase von Kylie Minogue.

Die nicht binäre Person Tom Rasmussen ist in der britischen LGBTQI-Community ein Star, insbesondere als Drag Queen. Mit dem Piano-House-Track «Look At Me», der wie geschaffen für die Ballroom-Szene und das Voguing scheint, steuert Tom Rasmussen eine Hymne für Selbstentfaltung und Diversität bei. Wer die richtigen Moves zu diesem Song drauf hat, wird die ganze Aufmerksamkeit des Tanzpublikums auf sich gerichtet spüren.


Leise Töne zur Heilung queerer Narben

Für viele queeren Künstler*innen hat das Musikmachen eine therapeutische Wirkung. Indem sie ihre Verletzungen in ihren Songs verarbeiten, lernen sie loszulassen und können dadurch weiter über sich hinauswachsen.

Wrabel, der vor 34 Jahren in Texas geboren wurde und seit 12 Jahren in Los Angeles lebt, hatte ein schweres Leben. Auf seinem neuen Album mit dem programmatischen Titel «based on a true story» setzt er sich in intimen Pop-Miniaturen mit seinem schrecklichen Coming-Out, seinem Alkohol-Problem und Liebesleben auseinander. «lost cause» ist ein herzzerreissender Song über den schwierigen Versuch, sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen.

Auf dem Album «Jonny» arbeitet Jonathan Pierce, nun alleiniges Mitglied von The Drums, seine christliche und sexuell unterdrückerische Erziehung auf. Sein melancholischer Indie-Pop zwischen The Smiths und The Beach Boys hilft ihm, sein junges Ich zu schützen. Der Song «Be Gentle» handelt von der Angst vor Schmerzen oder Furcht vor Verletzungen in einer Beziehung und appelliert für mehr Sanftheit und Zärtlichkeit in der zwischenmenschlichen digitalen Kommunikation.

Die Singer-Songwriterin Barbara Cuesta, halb Deutsche und halb Spanierin, lebt in Berlin. In ihre Musik möchte sie die Perspektiven und Erfahrungen queerer, weiblicher, nicht binärer Menschen und diejenigen von Migrant*innen miteinbeziehen. Ihr Album «Euforia» enthält 10 poetische Indiefolksongs, die sich um die Freude und die Gewissheit darüber drehen, dass einem Nachhausekommen endlich nichts mehr im Wege steht. Das intime «Liegen» über die verdienten Mussestunden nach einem langen schmerzhaften Weg, ist das einzige deutschsprachige Lied.

Philomena ist eine queere 23-jährige Newcomerin aus Österreich, die in ihrer Musik viel Raum für Empfindsamkeit und Sanftheit schafft. Auf ihrer Debüt-Single, der souligen Jazz-Ballade «Flowergarden», die leicht an Adele und Alicia Keys erinnert, erforscht Philomena den schmerzhaften Prozess des Loslassens einer Liebe. Mit der Zeile «I never thought I’d be good at leaving» lässt sie erkennen, dass die Heilung langsam, aber sicher voranzukommen scheint.


Discover the cover

Ludwig ist ein Fan von Coverversionen. Doch oft ist es schwierig, das Original zu toppen. Keinem der nachfolgenden Songs ist das gelungen. Hörenswert sind die trotzdem.

Adam Lambert hat ein ganzes Album von Coverversionen herausgebracht. Auf «High Drama» singt er Popklassiker wie «Chandelier», «Mad About the Boy» und «Do You Really Want to Hurt Me». Am besten gelungen ist ihm der Bonnie Tyler/Jim Steinman Hit «Holding Out for a Hero». Er hat die Kraft vom Original, doch etwas Entscheidendes fehlt ihm, damit der DJ ihn an einer Party durch das Original ersetzten würde: der Chor Uhhuhhuhh, bei dem mensch so gerne mitsingt.

François Sagat ist eine Ikone des Gay-Pornos, der vor allem wegen seiner Kopftätowierung bekannt ist. Dass er mehr sein will als ein potenter Penis war bald mal klar. Er wurde auch für nichtpornografische Filme und als Fashion-Model gebucht, er wurde vom Künstlerpaar Pierre & Gilles porträtiert und es gibt einen Dokumentarfilm über ihn. Sänger wollte er auch sein und hat bereits 2012 eine erste Single veröffentlicht. 2023 ist nun ein ganzes Album erschienen. Darauf ein Cover von Amanda Lears Hit «Follow Me» (1977). Das passt, denkt man sich gleich. Doch beim Anhören kommen dann noch Zweifel auf. Nicht schlecht, aber Amanda Lear ist als Ikone dann doch eine Liga höher einzustufen als Sagat.

Dem bisexuellen Schotten Joesef wird von der Presse inzwischen seit Jahren prophezeit, dass er das nächste grosse Ding sein wird. Er konnte sogar mit Sir Elton John auf Tournee. Doch diese Vorhersagen sind bis jetzt nicht eingetroffen. Vielleicht hilft ein Cover? Er hat Al Green Evergreen «Let’s Stay Together» aufgenommen. Ein Song, der bereits von zahlreichen Sänger*innen gecovert wurde. Am bekanntesten ist die von Tina Turner. Dass Josef ein Grosser werden könnte, hat er mit seiner Version gezeigt, denn er schafft es, eine ganz eigene Interpretation zu machen, die berührt.


Die besten Collabs

Zusammen erreicht mensch mehr als allein. Musikkollaborationen nehmen stetig zu und wirken sich meistens positiv auf die Karrieren von Musikern*innen und auf die jeweilige Szene aus. Deshalb nutzen viele Künstler*innen dieses Mittel, um sich nicht nur mit ihrem Stammpublikum, sondern auch mit einem neuen Publikum zu verbinden.

Jonathan Bree, der neuseeländische Dandy mit der Glam-Rock-Perücke, seinem dunklen Bariton und der weissen Spandex-Maske, erinnert an eine Figur aus einer Pantomime oder einem Film Noir. Auf «Precode Hollywood» macht der musikalische Aussenseiter neu auf Synthie-Pop und melancholischen Disco. Nile Rodgers, der Disco-Titan in Person, steuert seine unverwechselbaren Funk-Riffs bei und hievt die Nummer zu einem höheren Level.

Auf dem 80s-lastigen Indie-Pop-Juwel «Where Are Your Kids Tonight» treffen zwei Generationen aufeinander: die 27-jährige, bisexuelle irische Country-Pop-Sängerin CMAT (Akronym für Ciara Mary-Alice Thompson) und der schwule Singersongwriter und Wahlirländer John Grant (55). Im Song wird das ambivalente Gefühl beschrieben, wie es ist, wenn mensch in Begriff ist, wie die eigenen Eltern zu werden. Das lustige Video dazu ist eine low-cost Hommage an dasjenige von Elaine Paige und Barbara Dickson für «I Know Him So Well» aus dem Musical Chess.

Die zwei queeren Schwergewichte Rufus Wainwright und Anohni (früher Antony & The Johnsons) haben schon mehrmals zusammen gesungen. Anlässlich seines Albums «Folkocracy» hat der US-kanadische Musiker die transsexuelle Sängerin ins Studio gebeten, um mit ihr seinen eigenen Klassiker «Going To A Town» neu einzuspielen. Die Kritik an das konservative Amerika, insbesondere an die Regierung Bush, ist auch heute einer der einfühlsamsten Anti-Kriegs-Songs.

Im Dance-Bereich sind Kollaborationen äusserst beliebt. Die Britin Aluna Frances, früher beim 2-Step-Duo AlunaGeorge und heute als Aluna musikalisch unterwegs, hat sich 2023 voll dem Disco- und House-Sound der LGBTQ-Clubs verschrieben. Sie hat ihre musikalische Vision mit gleichgesinnten schwarzen und LGBTQ-Künstler*innen geteilt. Auf der pulsierenden Nummer «Oh The Glamour» mit dem britischen House-Produzent Eden Prince vermittelt Aluna den Gedanken, ein glamouröses Leben zu führen, ohne den eigenen Stil und Identität zu verleugnen. Die brasilianische Drag-Queen Pabllo Vittar und der britische Sänger MNEK verstärken den queeren Glamour-Anteil.


Best Queer-Rock

Offen queere Vertreter*innen in der Sparte Rock, von Hard Rock zu Heavy Metal, waren früher so etwas wie ein Tabu. Es gab sie, aber sie mussten sich diskret zeigen. Für lange Zeit wog sich das Hard-Rock-Genre im strengen Glauben, dass das dort verbreitete klassische Männlichkeitsbild keinen Platz für Homosexualität bieten durfte. Und in Rockbands mit teilweise oder rein weiblicher Beteiligung waren die Bemühungen um lesbische Sichtbarkeit eher zum Scheitern verurteilt. Die heutigen Generationen haben es deutlich leichter.

Mit Schlagzeuger Ethan Torchio und Bassistin Victoria De Angelis verfügen Måneskin über zwei queere Mitglieder. Die Vorwürfe des Queerbaitings gegen die zwei anderen heterosexuellen Mitglieder Damiano David (Gesang) und Thomas Raggi (Gitarre), weil sie auf der Bühne auch High Heels und Strapse tragen, sind also unbegründet. Italiens grösster Musik-Export hat mit dem internationalen Album «Rush» ein kunterbuntes Pop-Rock-Feuerwerk inklusive Konfetti-Regen geliefert. Måneskin ergänzen das Lebensgefühl von Sex, Drugs & Rock’n’Roll mit einer Prise Pop, Humor, Mode und Queerness. Der Song «HONEY (ARE U COMING)» ist sehr repräsentativ für den aktuellen Zustand des Queer Rock.

Greeta Van Fleet, die Hard-Rock-Band aus Michigan, bedient sich reichlich aus den Klischees und Posen des Classic Rock aus den 70er-Jahren. Die Gitarren-Riffs, der volle Falsett-Gesang, die donnernden Drums, die blubbernden Bassläufe und die mystischen Folk-Passagen erinnern stark an Led Zeppelin. Der epische Song «Meeting The Master» könnte auch von ihnen stammen. Aber anders als Robert Plant, der als Prototyp des heterosexuellen Rocksängers gilt, hat sich der Sänger von Greeta Van Fleet als Mitglied der LGBTQI-Gemeinde geoutet. Auch wenn Josh Kiszka seit acht Jahren eine Beziehung mit einem Mann führt, hat er bis im Juni 2023 mit dem Coming-Out gewartet. Dies mag ein Indiz dafür sein, dass die Classic-Rock-Szene in ihrer Weltanschauung immer noch stark konservativ eingestellt ist.

Der Ex-Faith-No-More-Keyboarder Roddy Bottum und Joey Holman sind nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Leben ein Paar. Mit ihrer Indie-Rock Band Man On Man kämpfen die zwei Gay Daddies gegen die Intoleranz auf der Welt und in der schwulen Community, die immer noch das Bild eines jungen, strahlenden und makellosen Männerkörpers propagiert und Fettpolster, graue Haare und Falten verabscheut. Ihr neues Album «Provincetown» schuldet seinem Titel der gleichnamigen Stadt in Massachusetts, die seit den 70er-Jahren als schwule Pilgerstätte gilt. Im Song «Showgirls» kreischen nicht nur die Gitarren, sondern die Bässe bollern, die Synthies klirren und der Schweiss tropft. Haben Man On Man nun mehr die Disco-Kugel als die Rockkonzert-Bühne im Visier?


Playlist: Die 100 besten Songs 2023

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